Die Kugel ist die Verbindung / Eric Waha
Sich immer wieder neu erfinden. Immer wieder neu aufstellen. Nischen finden. Und darin der Beste sein. Das ist seit 170 Jahren Ziel eines Unternehmens, das für sich den Titel Traditionsbetrieb in Anspruch nehmen kann. Gerade stellt man sich bei Sili in Warmensteinach einmal wieder neu auf. Mit neuen Produkten, die sonst weltweit in der Form keiner macht. Die nicht nur das Unternehmen sichern sollen. Sondern auch bereit machen sollen für einen Traum, den der Geschäftsführer und Gesellschafter Stefan Trassl hat: Dass auch die sechste Generation, sein Sohn Benedikt, Lust drauf hat, nach ihm das Familienunternehmen in die Zukunft zu steuern.
Das Spannende an Sili: Es ist nicht nur der Name des Firmengründers – Sigmund Lindner –, der seit1854 Bestand hat. Sondern es ist die Kugel, die das verbindende Element ist. Und die nicht nur wegen der Genialität ihrer Form noch heute die Tragkraft für das Unternehmen mitbringt, sondern weil ganz offensichtlich das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft ist. Angefangen, sagt Stefan Trassl, der in diesem Jahr 60 geworden ist, im Gespräch mit unserer Redaktion, hat es vergleichsweise einfach. Handwerklich. Was übrigens auch so eine Klammer ist, seit 1854. „Mit Boddala ging es los“, sagt Trassl und lächelt. Sigmund Lindner, der aus der Fichtelberger Brauerei Lindner stammte, hatte sich in Warmensteinach erst in eine Glashütte, von der es mindestens fünf zu der Zeit gab in Warmensteinach, eingekauft, und 1854 seine eigene eröffnet. In der heutigen Oberwarmensteinacher Straße 38, wo die Firma immer noch ihren Sitz hat.
Sigmund Lindners Familie bekommt im späten 19. Jahrhundert dann offensichtlich immer öfter Besuch von Stefan Trassls Ururgroßvater. Alfons Trassl hatte Gefallen gefunden an Lindners Tochter Marie, die er heiratet – „und 1920 die Geschicke übernimmt. Nach wie vor mit Glasperlen-Produktion. Und aus dem Abfall der Produktion, bei der Glasstaub angefallen ist, stellt man Glasglitter her. Im Prinzip zwei Produkte, die uns bis heute begleiten. Glitter natürlich längst aus einem anderen Material.“ Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts dominiert die Perlen-Produktion im Spindel-Verfahren in Warmensteinach bei Sili, „oder besser: bei Lindner, so werden wir heute eigentlich noch genannt“. Die Perlen werden zu Ketten per Hand aufgefädelt, was viele Warmensteinacherinnen in Heimarbeit machen.
Was interessant ist: Aus Sigmund Lindners Geschichte heraus stellt sich das Unternehmen sehr früh breit auf – auch handwerklich, mit einer eigenen Brauerei, die parallel zur Glashütte und zur Landwirtschaft betrieben wird. „Mindestens seit 1872“, sagt Trassl, habe die Brauerei bestanden, natürlich auch am heutigen Firmensitz. Während die Zeit ins Land geht, ist es wohl einer Frau zu verdanken, dass das Unternehmen heute noch so dasteht: „1934 hat mein Großvater Hans Trassl mit seiner Frau Gerda die Firma übernommen. Weil Hans, der im Ersten und im Zweiten Weltkrieg war, lange nicht in Warmensteinach war und sich sonst sehr viel für den Wintersport und die Vereine wie die Feuerwehr oder die Schützen engagiert hat, hat Gerda den Laden geschmissen: Sechs Kinder, Landwirtschaft, Firma, Brauerei – ihr verdanken wir wirklich viel“, sagt Stefan Trassl.
Trassls Vater Heinz und dessen Bruder Arno sind in den 60er Jahren ins Unternehmen eingestiegen– parallel dazu stieg auch die Konkurrenz: Aus Tschechien, aus Fernost, aus Indien drängten Glaskugeln auf den Markt, die Schmuck-Produktion, das Glitter-Geschäft leitet einen Sinkflug ein. Und Heinz Trassl stellt die Weichen neu, sorgt dafür, dass „massive Glaskugeln für industrielle Anwendungen interessant werden. Die Reflexperlen für Leinwände der Super-8-Filmer oder für Straßenmarkierung. Oder als Mahlkugeln für Kugelmühlen.“ Das Drehrohr-Verfahren, das „der Tüftler Heinz Trassl“ entwickelt, nutze man heute noch, natürlich in optimierter Form. Dieser Schritt sei „der entscheidende für uns gewesen, sonst gäbe es uns heute nicht mehr – wie all die anderen Glashütten“.
Die Produkte finden großen Absatz in der neuen Nische – und Sili exportiert in alle europäischen Länder und sogar bis Südafrika, wo man Vertreter sitzen hat, die „natürlich auch zu uns nach Warmensteinach kamen, wo meine Mutter dann Fränkisch aufgekocht hat, dazu das gute Trassl-Bier“, sagt Stefan Trassl, der so sehr bald Kontakt zur Firma hat. Und auch sehr früh einen Wunschentwickelt: „Braumeister wollte ich werden. Das war klar.“ Deshalb studiert er auch Brauwesen in Weihenstephan, hängt ein Betriebswirtschafts-Studium an – und arbeitet dann bei einer großen Münchner Industriebier-Brauerei. Bis er einen Anruf seiner Tante bekommt, eine der vier Gesellschafter: „Unser Vertriebsleiter ist weg, hat sie gesagt. Komm halt heim.“ München?
Warmensteinach! 1990 fängt Stefan Trassl bei Sili an – „statt in der Trassl-Bräu. Und ich hab’ schnell gemerkt: Das läuft doch.“
Läuft – weil Stefan Trassl schnell Nischen erkennt, wie die der Kugel für die Insulin-Karpule, mit der das lebenswichtige Medikament für Diabetiker aufgemischt wird. „Da sind wir Weltmarkt-Führer“, sagt Trassl. Man habe sich dem aufwendigen Qualitäts-Management-Prozess gestellt, der bei Medizin-Produkten nötig ist, „ich dachte, das könnte eine Chance sein, das bauen wir auf“.
Ähnlich ist es auch bei einem weiteren Produkt, mit dem Sili ins kalte Wasser springt: Keramik-Kugeln. „Wir hatten keine Ahnung von Keramik“, sagt Trassl frei heraus. Aber der Markt fordert das Produkt für den Einsatz in Kugel-Mühlen, „weil Keramik verschleißfester und schwerer ist. Wir hätten sonst alle Kunden verloren im Vermahlungs-Bereich. Deshalb haben wir uns das Know-how eben erarbeitet und nach vier, fünf Jahren Entwicklungsphase die Produktion gestartet.“ Und zur gleichen Zeit, Anfang der 2000er-Jahre, die Trassl-Bräu geschlossen – die Gebäude, wie das Sudhaus, sind heute Teil von Sili. Spannend: „Wir haben keinen einzigen Mitarbeiter entlassen müssen. Alle Brauer, die wollten, haben wir auf Keramiker umgeschult.“
Sili allerdings wächst nicht nur am traditionellen Standort Warmensteinach auf heute rund 120Mitarbeiter, sondern international. Ein erstes Joint-Venture in den USA wird 2001 gegründet, in China 2005, dem 2018 ein zweites folgt – diesmal für Keramik-Kugeln. „Dort sind wir inzwischen Marktführer mit dem Produkt, das unter anderem für die Batterie-Herstellung eingesetzt wird.“ Marktführer ist Sili auch bei Bio-Glitter, „da sind wir die Einzigen, die die strenge EU-Verordnung einhalten können“, die den biologischen Abbau von Glitter vorgibt. Weltweit, sagt Trassl, habe die Sili-Gruppe heute rund 275 Mitarbeiter, setze rund 50 Millionen Euro um.
Und, wie Trassl mit einem Lächeln sagt, „wir fühlen uns wohl in unserer Nische, in der wir jedoch immer versuchen, der Beste zu sein“. Sich immer wieder neu zu erfinden, aktuell mit Entwicklungen im keramischen 3D-Druck-Bereich, ist die Brücke zwischen Tradition, Innovation und Handwerk. Und soll den Weg zur sechsten Generation ebnen. Mit der Kugel als Verbindung.


